Stell dir vor …
… von heute auf Morgen verändert sich dein Leben und das deiner Familie
In der letzten Minute konntest du deine Familie sowie deine Eltern und dich aus deinem Haus retten, von Bomben getroffen, herab hagelten Steine. Dein Haus in Trümmern, darunter zerbrochene Tassen, kaputte Kochtöpfe. Zerbrochene Spielzeuge von deinen Kindern, mit denen sie einst spielten. Bleistifte und vieles mehr. Nicht einmal die Dokumente konntest du retten, die wichtig gewesen wären. Nicht einmal die Schulzeugnisse deiner Kinder.
Du begibst dich mit deiner Familie auf die Flucht, über Stock und Stein, über Wälder und Felder. Oft habt ihre euch unterwegs verstecken müssen. Für deine Kinder war das sehr schwer, weil sie ein anderes Leben gelebt haben. Für eure Eltern nicht, sie kannten das schon aus den Erzählungen ihrer Großeltern.
Ihr wart bereits einige Tage unterwegs, der Proviant geht langsam aus. Du und deine Frau essen sehr wenig, damit es für deine Kinder und Eltern reicht. Unterwegs seid ihr auf andere Flüchtlinge getroffen. Allen standen die Strapazen der Flucht ins Gesicht geschrieben. Einige Flüchtlingsfamilien hatten noch kleinere Kinder als eure dabei. Es waren auch viele Kinder und Jugendliche alleine unterwegs, die entweder allein geflohen waren oder ihre Eltern auf der Flucht verloren hatten.
Ihr kommt an einigen Bauernhöfen vorbei, manche Bauern verjagen euch. Andere Bauern geben euch was zu Essen, Trinken und sogar Vorräte für unterwegs mit.
Deine jüngste Tochter, sechs Jahre alt, wird krank, sie bekommt hohes Fieber. Du bist Arzt und kannst heute nicht einmal deiner Tochter helfen. In die Apotheke im Dorf kannst du nicht gehen.
Du hoffst, dass ein Bauernhof kommt, wo euch der Bauer oder die Bäuerin nicht wegjagt, sondern ein Herz für Flüchtlinge hat, obwohl du kaum Hoffnung hast. Noch etliche Kilometer müsst ihr laufen, ihr habt schon Blasen an den Füssen. Auch deine beiden älteren Kinder sind sehr erschöpft.
Aber ihr kommt wieder an einem Bauernhof an. Zaghaft klingelt ihr an der Tür. Mit deiner fast bewusstlosen Tochter auf den Armen. Der Bauer und die Bäuerin sehen, wie krank deine Tochter ist. Der Bauer sagt, ihr könnt hereinkommen, euch duschen und essen. Dankbar nehmt ihr an. Die Bäuerin hatt noch fiebersenkende Medikamente zu Hause.
»Danke«, sagen du und deine Familie unter Tränen.
Der Bauer sagt: »Bevor ihr geht, habe ich noch eine Überraschung für die Kinder.«
Er holte drei Osternester für Kinder. In jedem Osternest liegen bunte gekochte Eier, auch kleine Schokoladeneier und in jedem Nest ein Schokoladenosterhase. In einem der Nester sind ungewöhnliche Motive auf den Eiern: Schneemänner und Buden vom Weihnachtsmarkt, sogar ein kleiner Eisbär ist da drauf gemalt. Ihr lacht ein wenig und freut euch, dass die bunten Eier im Nest von Osterhase Oskar bemalt sind. Die Geschichten von Osterhase Oskar und seinen Freunden sind weit über die Grenzen bekannt.
Der Bauer gibt euch Decken für unterwegs mit, auch Fiebersaft für deine Tochter und Proviant für unterwegs.
»Meine Familie und ich sind ihnen sehr dankbar«, sagst du zu dem Bauer und der Bäuerin.
Wieder begebt ihr auch auf den Weg, ihr seid bald an der Grenze angekommen. Dort stehen schon viele Grenzpolizisten und drängen die vielen Flüchtlinge zurück. Dein Herz klopft und du fragst dich, werden du und deine Familie es schaffen? Deiner Tochter geht es wieder schlechter, trotz dem Fiebersaft. Sie muss in ein Krankenhaus. Du bist Arzt und doch im Moment so machtlos. Die Grenzpolizisten kommen auf euch zu. Ihr wollt nach Deutschland einreisen.
»Aus welchem Land kommt ihr?«
»Aus einem Kriegsland, wo jeden Tag Bomben geworfen werden.«
Deine Tochter wird bewusstlos, der Grenzpolizist sagte zu einem Kollegen: »Das Mädchen ist schwer krank, sie muss sofort in ein Krankenhaus, lassen wir die Familie durch.«
Seine Kollegen sind zwar nicht so ganz damit einverstanden, aber nicken.
Auf der anderen Seite warten die Busse mit den Flüchtlingshelfern, die angekommene Flüchtlinge zu den Unterkünften bringen. Bevor ihr in den Flüchtlingsbus eingestiegen seid, hört ihr: »Schon wieder Flüchtlinge.«
Manche sagen es leise, andere laut, mit wütenden Gesichtern.
Ihr seid hier nicht willkommen.
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Mamatanteoma
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